"Wiederholung, bitte!"

- oder "Vergangenheitskult und Design in der SF"

Die Geschichte ist der Lehrer mit den unaufmerksamsten Schülern,“ sagte Indhira Ghandi. In der Politik mag sich das bewahrheiten, für die Science Fiction scheint es jedoch dann nicht zu gelten, wenn die Sprache auf Design, sprich Kostüme und Waffen, sowie auf das Aussehen und die Bezeichnung fremder außerirdischer Rassen kommt. Vor allem nicht für den Zweig der SF, der im allgemeinen als „Space Opera“ bezeichnet wird – hier hat man die Lektionen vergangener Jahrhunderte zu lernen gewusst.

Bei den Kostümen wird dies deutlich, wenn man sich die alte Serienfassung von „Battlestar Galactica“ anschaut. Hier tragen die kommandierenden Offiziere Umhänge – Kleidungsstücke, die seit dem Mittelalter eigentlich völlig „out“ sind. Bei den metallgerüsteten Zylonen (Galactica) fühlt man sich automatisch an gepanzerte Ritter erinnert – wenn auch mit einem Touch futuristischem Design. Rüstungen sind ebenfalls Bestandteil der Ausrüstungsgegenstände, die Verwendung in Doc Smith’s und G. Eklunds „Lord Tedric“-Saga finden. Die Erklärung für die Verwendung von Schwertern in dieser Welt findet sich darin, dass die Wirkung von Strahlenwaffen bei Auseinandersetzungen der Crew-Mitglieder zu verheerenden Schäden an den Raumschiffen führen würde...

Beide genannten Werke lassen sich zweifelsohne dem Genre „Space Opera“ zuordnen. Dasselbe gilt auch für „Star Wars“: Die sogenannten Imperialen „Storm Troopers“ sind ebenfalls in Rüstungen gehüllt. Aber wozu eigentlich, wenn ein Laserschwert diesen angeblichen Schutz mühelos durchschlägt? Die gleiche Frage kann man sich bei Captain Future stellen, der ebenfalls einen rüstungsähnlichen Raumanzug trägt. Die Schutzwirkung gegen Hieb- und Strahlenwaffen ist gleich Null, wie wir spätestens in der Folge mit den Tiermenschen lernen. Aber es (bzw. er) sieht gut aus, oder?

„Alt ist schick“, scheint sich dem geneigten Leser unwillkürlich aufzudrängen. Und – so sieht es aus – die Zeit der Schwerter und Rüstung, der Mäntel und Degen, hat immer noch nichts von ihrer offensichtlich starken Anziehungskraft verloren. Ein Blick in die neuere Animé-Szene bestätigt dies.

Der Hang zu „Althergebrachtem“ geht aber noch weiter und bezieht sich nicht nur auf unsere „jüngere“ Vergangenheit, sprich das Mittelalter oder die Renaissance. Auch Griechen und Römer müssen immer wieder herhalten für diverse Serien und Filme. Ein Beispiel: Die Romulanier in „Star Trek“. Ihr Heimatplanet, Romulus, wurde nach dem einen der beiden Zwillinge benannt, die in der Sage für die Gründung Roms verantwortlich gemacht werden. In Organisationsstruktur der Gesellschaft und Gebaren der Gesellschaftsmitglieder gleichen die Romulanier den alten Römern. Anklänge an die Mythologie finden sich auch in vielen Folgen der Star-Trek-Classic-Serie. Und „Megara“, der Planet, auf dem in der allerersten CF-Folge der künstlich herbeigeführte Atavismus seinen Anfang nimmt, war in Wirklichkeit eine griechische Handelsstadt. Der „Herrscher von Megara“, Futures Gegenspieler, gewinnt einen Großteil seines Charmes als Finsterling aus der Verwendung von stachelbewehrtem Helm und wallendem Umhang, was übrigens auch für „Darth Vader“ gilt, wenn auch hier die Stacheln fehlen und das zusätzliche gruselige Extra durch das keuchende Atemgeräusch erzielt wird. Griechisch-Römisches Erbe fand zur Zeit der Renaissance, was ja nichts anderes bedeutet als „Wiedergeburt“, erneut Eingang in unsere Bild- und Formensprache. Die Helden der Änäis, der Odyssee, die Antike mit ihrer Vielfalt an heroischen Figuren, verschmolzen mit denen unserer eigenen nordeuropäischen mittelalterlichen Vergangenheit, und dies so sehr, dass es unsere Kultur stark beeinflusste, ja formte. Das Wiederauftauchen griechischer Schriften, gepaart mit den Erkenntnissen aus der arabischen Welt, löste auf dem Gebiet der Wissenschaften sogar eine Art Revolution aus... Doch wir schweifen ab.

Sollen wir jetzt böse sein, weil die Ausstatter verschiedener Filme, real wie animiert, sowie unzählige Buchautoren, mit schöner Regelmäßigkeit auf das mittelalterliche bzw. antike Repertoire zurückgreifen und sich nicht eigene, eben futuristische, Kreationen ausdenken? Eigentlich nicht. Wenn man Edmond Hamiltons „Synthoseide-Overall“ bedenkt, in das er unseren rothaarigen Helden steckt, so ist mir die von Toei gewählte Art der Kleidung doch tausendmal lieber... ;-)

Bewährte und fest in unserem Bewusstsein verankerte Bildsprache, wie z. B. das Klischee vom gepanzerten Ritter (der für die Amerikaner noch weiß sein muss, um seine besondere Funktion zu erfüllen), lässt sich nun einmal gezielt als Icon einsetzen, um bestimmte emotionale Inhalte an den Leser bzw. den Zuschauer zu bringen: Der mit dem Umhang und dem Schwert, oder auch der mit der Rüstung, ist der „Gute“ (wenn er nicht eben gerade schwarz gekleidet ist), der ist ein ganzer Kerl, ein „Held“ eben. Vielleicht gilt dies im übertragenen Sinne auch ein wenig für die überlebensgroßen, ja gigantischen Roboter, die in der japanischen Trickszene die Welt vor bösen außerirdischen Angreifern beschützen müssen.

Lässt sich da ein ganz kleines bischen Wehmut herauslesen, ein Vermissen der „Guten Alten Zeit“, der Zeit der Ritterlichkeit? Auch die Japaner haben ein solches Erbe, Erinnerung an eine Kriegerkaste, die durch hohe moralische Ziele und Werte sich vom gemeinen Volk unterschied. Ritter – hüben wie drüben – waren die Hüter des „Guten“. Zu den Tugenden ihres Standes zählten in Europa „Maße“ (die Kunst, Mäßigkeit zu üben und Überfluss oder Übertreibung zu vermeiden), "Treue" zu ihrem Lehnsherren, "Ehre", das Beschützen von Schwächeren, u.v.m. – also alles Dinge bzw. Eigenschaften, die es heute in dieser Form nicht mehr gibt... Der Moralkodex der Samurai war von ähnlicher Art, wenn auch hier die bedingungslose Pflichterfüllung und Treue zum Lehnsherren im Vordergrund stand.

„Ja, ja, das waren noch Zeiten, als Männer noch richtige Männer, Frauen noch richtige Frauen, und kleine grüne pelzige Wesen vom Antares noch richtige kleine grüne pelzige Wesen vom Antares waren“ (Hitchhiker’s Guide to the Galaxy). Vielleicht trauern wir ihr ja doch nach, der „Guten Alten Zeit“. Science-Fiction hatte ursprünglich sehr viel mit Utopien zu tun, mit Zukunftswelten, in denen alles anders, vor allem aber besser war. Was zu früheren Zeiten als Regimekritik gedacht und für den jeweiligen Autor so gefährlich war, dass er sich eines Pseudonyms bedienen musste, um nicht im wahrsten Sinne des Wortes "den Kopf zu verlieren", hat es als Sehnsucht nach einer besseren Welt bis in die heutige Zeit geschafft. Geblieben ist der Wunsch nach einem Ideal, das wir vielleicht nie erreichen können – und das deshalb stets in einer wie auch immer gearteten Zukunft oder auch in der sagenumwobenen Vergangenheit liegt – mit anderen Worten gut geschützt und unerreichbar. Vielleicht ist es auch besser so – denn wenn man seine Ziele erreicht, seine Ideale verwirklicht, ist man eigentlich am „Ende“, und man muss sich dann ganz fix etwas Neues ausdenken, ein neues Ziel, eine neue Aufgabe, um nicht in Trägheit zu versinken.

Vielleicht ist es also Selbstschutz, sich Utopien oder Sagenwelten zu bedienen, um das eigene Leben erträglich zu gestalten und sich nicht in Tristesse zu verlieren. Vielleicht ist genau das der Funke, der uns am Leben erhält, der uns gebietet, immer weiter zu machen, immer wieder aufzustehen und von vorne anzufangen, solange er noch glimmt...
Und solange es noch Helden gibt ;-)

 


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