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Future und Joan

Schatten der Vergangenheit...?

Was man immer wieder gerne vergisst, ist die Tatsache, dass die "Future-Mannschaft" - also Grag, Otho und Simon - nicht nur die Helfertruppe unseres rothaarigen Helden darstellt, sondern auch seine Familie. Die WG auf dem Mond ist nämlich das, was übrig blieb, nachdem Victor Corvo und seine Komplizen Futures Eltern umgebracht hatten, und Curtis blieb mit dem Roboter, dem Androiden und dem körperlosen Gehirn im Laborkomplex unter dem Krater Tycho zurück.

An dieser Stelle wird gerne versucht, Future aufgrund der Situation, in der er aufgewachsen ist, eine Verhaltensstörung anzuhängen. Und ja, logischerweise hinterlässt der Tod der Eltern bei ihren Kindern eine klaffende Lücke, die zu Problemen im späteren Leben führen kann. Kann, wohlgemerkt, "kann", aber nicht "muss". Denn unser Lieblingsheld hatte das riesengroße Glück, dass nach dem Tode seiner Eltern gleich drei Personen zur Stelle waren, die sich seiner angenommen haben: Während Simon da wohl eher die etwas gestrenge "Vaterfigur" war (bei Hamilton beschreibt ihn Future selbst als "Mentor"), hat er die für eine normale Entwicklung nötige Zuneigung sicherlich von Grag und Otho erhalten. Sie waren vermutlich so etwas wie "große Brüder", die ihn beschützt und umsorgt haben. Man kann auch getrost davon ausgehen, dass Simon in weiser Voraussicht für ein altersgerechtes "Erziehungsprogramm" gesorgt haben wird.

"Aufgefangen werden" kann in einer solchen Situation wie der, in der Future sich in seiner Kindheit befunden hat, sehr viel kompensieren, sehr viel wieder gut machen. Der Verlust der Eltern ist, psychologisch gesehen, daher nicht unbedingt mit späteren Auffälligkeiten im Verhalten oder Kommunikationsstörungen gleichzusetzen - das hängt sehr stark von den jeweiligen Lebensumständen ab. Und die seinigen waren ziemlich gut.

Das einzige, was zu kurz kam, war der stete Kontakt mit Gleichaltrigen, da er außer Grag und Otho keine Spielkameraden hatte. Daraus allerdings zu schließen, dass der Captain-in-spe aufgrund seiner "familiären Situation" auf der Mondbasis keinerlei Erfahrung im Umgang mit anderen Lebewesen habe und genau deshalb "steif" oder "unbeholfen" agiere und spreche, wie es bei manchen Stellen der deutschen Fassung zu sein scheint, lässt schlichtweg die Fakten außer acht: Zum einen erwähnt Hamilton, so man ihn denn liest, zahlreiche mehr oder weniger heimliche Streifzüge, die der heranwachsende Curtis kreuz und quer durch die bekannten und unbekannten Gebiete des Weltraums unternommen hat (1). Zum anderen sind die Situationen, die uns aus heutigem Blickwinkel verbal etwas seltsam vorkommen mögen, nicht nur dem Zeitgeist (70er Jahre), sondern vor allem auch dem Bemühen der deutschen Synchronisation geschuldet, das Alter der Zielgruppe nach unten zu schrauben (weil gerade in Deutschland "Zeichentrick" lange Jahre mit "Kinderserie" gleichgesetzt wurde).

Auch wenn CF in doch recht anderer Situation als "üblich" aufwuchs - ihm deshalb Weltfremdheit oder gar Unkenntnis in Bezug auf Sex und den Umgang mit Frauen zu unterstellen, ist unrealistisch, denn wer auf eigene Faust losfliegt, um das Sonnensystem zu erkunden, wird dabei zwangsläufig auch dem "anderen Geschlecht" begegnen. Es ist naheliegend, dass sich auf diese Art und Weise Kontakte ergeben haben, mal ganz abgesehen davon, dass ein Charakter, der durch einen dermaßen ausgeprägten Drang nach Erkenntnis gekennzeichnet ist wie Future, sicherlich auch "das" ausprobiert haben wird ;-)

Im Gegensatz zu denjenigen, die Future psychologische Auffälligkeiten anhängen möchten, sieht Edmond Hamilton seinen Helden viel lockerer. Am bezeichnendsten ist da wohl der Kommentar, den er seinen Captain selbst, wenn auch unter Pseudonym ("Seargant Saturn", the old Space Dog), abgeben lässt (2): "Instead of impersonally shaking her hand, I always kissed her good-bye." (Gemeint ist die Art und Weise, wie Future sich jeweils am Ende eines Einsatzes von Joan verabschiedet.) "After all, I'm a man, you know, and unlike Simon, I experience the age-old emotions of a man, even to that of a wildly beating heart in the close presence of a beautiful girl (...)."

Fazit: Für die ungewöhnlichen Umstände seiner Jugend ist Future ziemlich "normal" geraten. Ein bischen zu ernst und zurückhaltend vielleicht. Vielleicht auch ein bischen "macho" - ja. Aber warum eigentlich nicht?

Anatomie des Abstand-Haltens

Daß Joan und Future etwas füreinander empfinden, wird dem aufmerksamen Betrachter schnell klar. Daß die beiden sich jedoch nicht wirklich näher zu kommen scheinen, nun, das bietet unter den Fans Anlass zur Spekulation. Im Folgenden wollen wir deshalb einen Blick auf die Beziehung der beiden Protagonisten zueinander werfen und mittels Analyse die Gründe dafür aufdecken.

Wenn man das distanzierte Verhalten, das Future zumindest im Zeichentrick Joan gegenüber an den Tag zu legen pflegt, tatsächlich untersuchen will, weil man sich mit dem naheliegendsten (und wahrscheinlich auch einzig und allein dafür verantwortlichen) Grund - nämlich dass Held und Heldin sich nie "kriegen dürfen", weil dann die sich durch die unerfüllte Beziehung ergebende Spannung sofort auflösen und die Geschichte damit langweilig werden würde - nicht abfinden will, muss man sich den Charakter "Future" und seine Lebenssituation näher anschauen.

Beginnen wir also mit der Auffassung, die er, Future, von seinem Job hat. Dabei fällt auf, wie ernst er denselbigen nimmt: "job comes first", scheint sein Credo zu sein (und wenn man den Büchern glauben darf, ist er auch in seiner Freizeit auf dem Mond eine Art workaholic). Für ein etwaiges Privatleben bedeutet das, daß dieses sich "hinten anstellen muss" und eine weitaus geringere Priorität genießt.

Hinzu kommt der gute alte Heldenethos "ich darf mich aus beruflichen Gründen nicht binden, um meinen Partner XYZ nicht in Gefahr zu bringen bzw. nicht erpressbar zu werden" - in seinem Falle passt das wie die Faust auf's Auge (nämlich hervorragend). Und schon haben wir einen weiteren Grund, der sein Handeln diesbezüglich bestimmt.

Drittens lässt Hamilton uns leider nicht wissen, wie sein Captain zur "Yellow Press" steht. Wenn man davon ausgeht, dass es Promi-Ranking-Shows ("Wer ist das heißeste Promi-Pärchen des Jahres?") oder eine Art kosmische "Bildzeitung" auch im Jahre 2500 gibt, wäre eine Figur wie Future dafür ein gefundenes Fressen. Sicherlich ist dieser deshalb darauf aus, so etwas zu vermeiden, und gibt sich folglich medienscheu. In Bezug auf seinen Umgang mit Frauen - und den wird er gehabt haben, denn als Kostverächter beschreibt Hamilton ihn nun wirklich nicht - wird er wohl auch deshalb zurückhaltend sein.

Außerdem ist Future im Gegensatz zu den James T. Kirks, Malcom Reynolds und Han Solos dieser Welt nicht hauptberuflich Draufgänger oder Schmuggler, sondern in allererster Linie Wissenschaftler. Wenn diese Tatsache in der Zeichentrickserie auch ein bischen zu kurz kommt (dort wird das meiste "wissenschaftliche" i. d. R. von Simon Wright abgedeckt), darf man sie nicht unter den Tisch kehren, denn sie gehört sozusagen zur Grundaustattung dieser Heldenfigur (5).
Nun, Wissenschaftler zu sein, bedeutet nicht gleichzeitig, ein völlig spaßfreies Leben zu führen... es prädestiniert jedoch für einen etwas ernsteren, verantwortungsvolleren Umgang mit Daten, Fakten und letztlich auch seiner Umwelt (zumindest dann, wenn man nicht gerade "Tony Stark" heißt :D), und genau das finden wir auch bei Future wieder. Wissenschaftliche Forschung ist diesem mindestens genauso wichtig wie sein Job; die damit verbundene innere Einstellung färbt bei ihm halt auf sein restliches Leben ab. Anders als der bereits genannte Tony Stark ist Captain Future nun mal kein Playboy. Ist das jetzt so schlimm?

Zum Schluss kann man Future auch einen starken Beschützerinstinkt unterstellen: Um sie nicht zu verlieren, versucht er, Joan mit Sprüchen wie "Das ist viel zu gefährlich..." aus vielem 'rauszuhalten (was natürlich ebenfalls einen gewissen Abstand zwischen den beiden herbeiführt). Dem heutige Blick auf dieses Verhalten mag das befremdlich erscheinen, ist diese junge Frau doch schließlich "Agentin" von Beruf und laut Zeichentrickserie schon mehrere Jahre in diesem Job, also kein "Frischling" mehr. Hier muss man die heutige Sichtweise allerdings relativieren, denn in den siebziger Jahren (3), in denen der Animé entstand, und erst recht in den Vierzigern (4), in denen Hamilton seine CF-Romane schrieb, war vieles noch nicht üblich, was heute als selbstverständlich gilt. Alle, die Future deshalb "Frauenfeindlichkeit" oder "Sexismus" unterstellen, machen sich die Sache zu einfach, indem sie die Ursprünge der Serie schlichtweg ignorieren und damit auch ausblenden, dass in der Zwischenzeit etliche Jahrzehnte vergangen sind: Seitdem hat sich die Gesellschaft und ganz besonders die Rolle der Frau wesentlich verändert.

Unter diesen Umständen erscheint die von Future nach Außen hin praktizierte Distanz zu Joan fast logisch. Und dass die Dinge eigentlich noch ganz anders liegen, dass da nämlich viel mehr ist als kühles Abstand-Halten, erschließt sich erst, wenn man beginnt, zwischen den Zeilen der Zeichentrickserie zu lesen - dann stößt man nämlich auf Bilder und Szenen, die belegen, dass da im Hintergrund ganz heimlich, still und leise doch so etwas wie eine Art Beziehung in Gang kommt - spätestens in der Episode "Die Elektromenschen", wo Future Joan letztlich eine Partnerschaft verspricht (was gerne übersehen wird), wird das deutlich.
Man/frau muss, wie schon gesagt, eben bereit sein, genauer hinzuschauen ;-)

Fußnoten / Quellen

  1. z. B. in Edmond Hamilton, "Captain Future and the Space Emperor", Kapitel II
  2. Edmond Hamilton, in "The Collected Captain Future" (Haffner Press) Vol. II, An Authorative Protest
  3. nachzulesen bei Annette Hinz-Wessels, "Neue Frauenrolle", in: Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
  4. Cynthia Harrison, "From the Home to the House - The Changing Role of Women in American Society"
  5. nachzulesen bei Edmond Hamilton, "Captain Future and the Space Emperor", Kapitel II